Bitcoin-Ranking

Bitcoin Boom: Auf dem Weg zur echten Währung?

Wieder haben wir eine Gelegenheit verpasst, mühelos reich zu werden: Anfang 2011 notierte die virtuelle Währung Bitcoin erstmals über 1 Dollar. Noch im September 2013 konnte man sie für gut 100$ erwerben, doch aktuell kennen die Kurse kein Halten mehr: Schon wurden mehr als 700$ für einen bitcoin gezahlt. Wer also 2011 mal zehntausend Dollar investiert hat, kann sich heute über sieben Millionen freuen.

Die Titelgrafik zeigt, dass die Bitcoin-Geldmenge insgesamt damit Rang 88 in der Liste der größten Währungen der Welt erreicht hat. Etliche reale Volkswirtschaften kommen also mit weniger Geld aus.

Ausschlaggebend dürften Erwartungen sein, dass Bitcoin sich zumindest in den USA auf dem Weg zur regulären Währung befindet: Das New York State Department prüft die Ausgabe einer „BitLicence“, um den Handel mit bitcoins aus der Schattenwelt zu holen und in einen regulierten Kontext einzubinden. Auch der amerikanische Senat befasste sich aktuell mit Bitcoin. Timothy B. Lee bewertet das in seinem Bericht in der Washington Post so: „This Senate hearing is a Bitcoin lovefest“.

Welche Chancen und Risiken bietet die erste dezentrale Kryptowährung der Welt?

Bitcoin ist ein dezentrales kryptographisches System, das von seinen Erfindern und Verfechtern als Währung gesehen wird (die Währung heißt Bitcoin mit großem B, die einzelnen Geldeinheiten selbst sind die bitcoins). Das unterscheidet es von anderen virtuellen Zahlungsmitteln wie den (aussterbenden) Facebook Credits, die von ausgebenden Firmen und Finanzbehörden gemeinsam als Gutscheine klassifiziert werden.

Im rechtlichen Sinne sind bitcoins in Deutschland kein Geld. Das BaFin stuft Bitcoin als Rechnungseinheit und immerhin Finanzinstrument im Sinne des KWG ein.

In den USA bahnt sich gerade ein neuer Meinungsbildungsprozess an. Politiker und Juristen der Regierung Obama betonen, dass Innovation im Finanzwesen wichtig sei. Ja, Bitcoin sei aufmerksam zu beobachten, da es kriminelle Nutzungen wie Geldwäsche begünstige. Aber auch das Internet sei zu Beginn wegen seiner möglichen illegalen Nutzung kritisiert worden. Kann es eine bessere Werbung für Bitcoin geben, als es mit dem Internet zu vergleichen? Öffentlich, in einer Senatsanhörung? Zusammen mit den Überlegungen des Staates New York zur Regulierung des Bitcoin-Handels ist es plötzlich eine realistische Perspektive, dass Bitcoin für die USA schon sehr bald eine Fremdwährung wie jede andere sein könnte. Zumal auch die Fed offiziell bekannt hat, sie werde Bitcoin nicht stören. Ben Bernanke schrieb an den Senatsausschuss:

„Although the Federal Reserve generally monitors developments in virtual currencies and other payments system innovations, it does not necessarily have authority to directly supervise or regulate these innovations or the entities that provide them to the market“.

Auch abseits der hohen Politik ist Bitcoin in den USA im Kommen: Die aktuelle Printausgabe des Magazins WIRED publiziert den Aufruf: „How to save Bitcoin: Let’s take ecash mainstream“. Und WIRED ist quasi Vogue für Nerds – was da drin steht, ist ein Muss für jeden Hipster des digitalen Zeitalters.

Angesichts dieser Entwicklungen sollten wir Chancen und Risiken von Bitcoin neu bewerten:

Risiken

Zum einen ist die Akzeptanz von bitcoins noch sehr gering. Das kann sich aber mit dem aktuellen Aufmerksamkeits-Boom schnell ändern. Höhere Verbreitung kann dann aber auch die Zentralbanken und Gesetzgeber auf den Plan rufen. Sie können Bitcoin zwar weder verhindern noch manipulieren, eben weil es ein dezentrales System ist, das einem festgelegten Algorithmus folgt. Aber sie können bitcoins durch Auflagen und Überregulierung unpraktikabel machen. Deshalb ist die Zurückhaltung von Fed und US-Senat von so großer Bedeutung.

Angriffe und spektakuläre Betrugsfälle gab es bereits. Grund für die Senatsanhörung waren auch eigentlich Websites wie „Silk Road“, auf denen von Drogen bis zu Mordaufträgen alles in Bitcoin gezahlt werden konnte. Solche Berichte erregen Aufsehen, täuschen aber eher darüber hinweg, dass Kriminelle auch staatlich regulierte Währungen gern nutzen, allen Geldwäschegesetzen zum Trotz.

Die Gesamtmenge aller kryptographisch erzeugten bitcoins ist auf 21 Millionen begrenzt. So ist das System von vornherein angelegt. Das klingt wenig, aber bitcoins können fein gestückelt werden, bis runter zu einem Millionstel. Das könnte auch nötig werden, wenn die Befürchtung eintritt, die Begrenzung führe notwendig zu Deflation. Tatsächlich ist dieses Argument im Netz fast allgegenwärtig. Meines Erachtens gilt es aber eben nur so lange, wie Bitcoin nicht als Währung behandelt wird. Sobald Banken bitcoins als Einlagen akzeptieren und Kredite in Bitcoin ausgeben, greift die normale Giralgeldschöpfung des Banksystems. Es gibt dann neben den kryptographischen bitcoins noch die Guthaben auf den Bankkonten. Die EZB erhöht die Geldmenge ja auch nicht, indem sie zusätzliches Bargeld an Straßenecken verteilt.

Chancen

Bitcoin eröffnet die Chance, Machtverhältnisse zu verändern. In diesem einen Satz lassen sich die positiven Perspektiven zusammenfassen. Zuerst denkt man natürlich an die Entmachtung der Finanzpolitik und der Zentralbanken. Wer sein Geld in Bitcoin anlegt, dem kann es egal sein, wie viel „super easy money“ Fed und Co. auf den Markt werfen. Dementsprechend hat die EZB in ihren Analysen zu Bitcoin auch schon Reputationsrisiken für Zentralbanken ausgemacht. Tja, neue Konkurrenten sind halt unbeliebt.

Aber auch im Banksystem selbst kann es zu Veränderungen kommen. Ich zitiere aus der Daily Finance „Bitcoin: Bubble or Value?

„[…] for payment processors like Western Union, the opportunity to disrupt the current hegemony of credit card processors and banks might be more tantalizing of a prospect than fighting bitcoin’s proliferation.
Bitcoin fills a niche of digital and frictionless exchange of value. While online purchases require the regular credit card authentication requirements of a billing address, bitcoin can be used as easily as handing over cash. There is value in this.“

Gerne wird auch darauf verwiesen, dass die US-Regierung in ihrem Ringen mit Wikileaks Druck auf das Finanzsystem ausgeübt hat, keine Spenden an Wikileaks zu verarbeiten. Mit Erfolg. Bitcoin ließ sich nicht blocken. Denn Bitcoin-Zahlungen sind Peer-to-Peer, sie gehen einfach direkt vom Spender an Wikileaks.

Was bringt die Zukunft?

Derzeit ist Bitcoin ein hochspekulatives Asset. Allmählich kommt es aber aus der Nerd-Ecke heraus und wird vom Mainstream wahrgenommen. Erste Fonds, die in Bitcoin investieren, gibt es bereits. Damit können Banken auch mit ihrer vorhandenen Infrastruktur Investments in Bitcoin anbieten.

Mehr Kontrolle und Regulierung der Händler wird folgen. Mehr Transparenz und größeres Handelsvolumen können auch die extremen Kursausschläge in Zukunft reduzieren.

Danach dürfte der Erfolg von Bitcoin direkt vom Vertrauen abhängen, das wir Euro, Dollar und Co. entgegenbringen. Wer bisher den Goldkurs verfolgt hat, sollte durchaus parallel den Bitcoin-Kurs verfolgen. Denn letztlich ist Bitcoin genau wie Gold wohl vor allem eine Alternative für Fälle, in denen echtes Geld nicht (mehr) funktioniert.

Elmar Borgmeier

Gestaltet Online Finance seit 1997. Glaubt an die Symbiose von Finance und IT. Ist Mitgründer und Chief Innovation Officer der syngenio AG. Moderator des JAX Finance Day. Berater für Next Generation Finance. Philosophiert gern über IT und realisiert noch lieber konkrete Lösungen.

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für diesen Beitrag, der mich zu ein paar unterhaltsamen Internet-Recherchen veranlasst hat.

    Kann man mit Google’s „Quantencomputer“ D-Wave eigentlich fundamental schneller Bitcoins schürfen? (nein, geht nicht, und es ist ja auch kein richtiger QC)

    Könnte ein (echter) QC womöglich die kryptographische Sicherheit der Bitcoin kompromittieren? (der Bedrohung sieht man gelassen ins Auge, denn Bitcoins kryptographische Sicherheit ist upgradebar und es gibt mittlerweile das Forschungsgebiet der Post-Quantum Cryptography)

    Wenn man in seiner Wohnung statt einer Elektroheizung einen Bitcoin-Schürfrechner laufen lässt, reichen die Bitcoins dann um den Strom zu zahlen? (2011 ging die Rechnung in den USA offenbar auf)

    Antworten

Schreib einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Top