CIBI Innovationstag 2014

CIBI Innovationstag 2014: Erfahrungsberichte zu PFM in Deutschland

Unter der Überschrift „Eine neue Welle von Innovationen bei Finanzdienstleistern“ schickte der Veranstalter ibi Research heute in München den CIBI Innovationstag 2014 ins Rennen.

Nach den Keynotes bot die sehr gut besuchte Veranstaltung drei Tracks zu PFM, „Von SEPA zu PSD2“ und Bankinnovationen. Ich war im PFM-Track, dort gaben ibi, Volksbank Bühl, comdirect und figo spannende Einblicke in den aktuellen Stand der Akzeptanz von PFM in Deutschland. Endlich Erfahrungswerte zu PFM! (Mehr dazu weiter unten.)

Vorher wurde aber erst einmal die Revolution ausgerufen. Und zwar in den Keynotes. Dabei war Martin Kölsch von Fidor noch am Zurückhaltendsten. Er hatte seinen Vortrag mit „Web 2.0“ betitelt (erinnern Sie sich? So hat man es damals genannt, als Interaktivität und User Experience ins Web kamen …) und spannte dann auch den großen Bogen über die Zeit von DAB-Gründung bis heute. Seine Kernaussage:

„Es geht um eine Revolution in der Kunde-Bank-Beziehung. Es geht um Augenhöhe. Die gibt es im Strukturvertrieb nicht, und sie entsteht auch nicht einfach durch Digitalisierung. Das ist eine Kulturfrage.“

CIBI Innovationstag 2014 - Fidor

Nahtlose Verbindung aller Kanäle sei nicht mehr Kür, sondern Pflicht, meinte Frau Dr. Edeltraud Leibrock von der KFW. Sie zitierte eine Studie, die den dramatischen Rückgang der Filialnutzung zeigt: Liefen im Jahr 2000 noch 70% der Kundenkontakte über Filialen, so waren es 2010 nur noch 30%. Für 2015 rechnet man mit 5%. Frau Leibrock sagt:

„Das Banking der Zukunft wird viel stärker durch die digitale Revolution definiert als durch die Finanzkrise von heute.“

Heinz Laber von der HVB stellte IT als kritischen Erfolgsfaktor im Kontakt mit Kunden und Regulierern heraus. Auch er belegte noch einmal die enome Bedeutung der digitalen Kommunikation: Auf 1 echtes, persönliches Gespräch kommen heute 500 Kontakte über Mobile  / Web / Telefon / Automaten.  Banken hätten lange gedacht, sie segmentierten Kunden und suchten sich die Attraktiven heraus. Aber natürlich suchen sich längst die Kunden die Bank aus. Er warnte die Banken, Angreifer zu unterschätzen:

„Banken müssen aufpassen, dass Innovatoren wie Paypal sich nicht ausgehend von Ankerthemen wie Payment auf vor- und nachgelagerte Prozesse ausbreiten. In den USA bekommen Kunden nach einer Paypal-Zahlung heute bereits eine Mail mit der Frage ‚Möchten Sie später zahlen?‘ und dem Finanzierungsangebot. “

Der CIBI Innovationstag zeichnete sich schon immer dadurch aus, dass traditionelle Anbieter und „Attacker“ aufeinander treffen. Aber dass beide Seiten so einhellig den fundamentalen Charakter des Wandels betonen – also da war ich schon beeindruckt.

Kommen wir zum PFM-Track. Zunächst stellte Christiane Früchtl vom ibi Research die Umfrageergebnisse zum Thema PFM vor: Drei Viertel aller Experten sehen PFM zukünftig als essentiellen Bankservice, so die wissenschaftliche Glaskugel des ibi namens Delphi-Studie. Die direkte Befragung der potenziellen Nutzer ergab, dass sich 50% PFM von ihrer Bank wünschen, 11% von unabhängigen Anbietern (der Rest ist unentschieden). Fast 60% legen dabei Wert auf Multibankenfähigkeit. Frau Früchtl resümierte:

„Banken können und müssen sich rechtzeitig ihren Platz beim Kunden sichern.“

Franz Sebastian Welter war für mich der beste Referent des Tages. Er ließ es sich nicht nehmen, die eindrucksvolle Innovationshistorie der Volksbank Bühl vorzustellen. Dann gab es die bisherigen Fakten zur Nutzung ihres Personal Finance Managements (siehe auch den Bericht hier): Seit 4 Monaten ist das Angebot jetzt online. Es konnte 500 aktive Nutzer gewinnen. Das sind 5% der Online-Kunden der VoBa Bühl. Das Wachstum der Nutzerzahlen liege stabil bei 50 – 60 neuen Nutzern pro Monat, so dass Ende des Jahres auch 10% Nutzeranteil erreicht werden können.

Das ist insbesondere beachtlich, wenn man bedenkt, dass Bühl als eine der Pilotbanken vorab gestartet ist. Die gemeinschaftlichen Marketingmaterialien der Volksbanken sind noch gar nicht verfügbar – außer Kommunikation durch eigene Mitarbeiter und Hinweise in den eigenen Online-Medien der Volksbank Bühl gab es bisher gar kein Marketing.

Herr Welter präsentierte auch eine Perspektive, wo es hingehen soll mit dem PFM: Ziel ist, auch die Ergebnisse der Bankberatung online zu haben. Sie sind dann ein „lebendes Dokument“, mit dem Kunde und Bankberater gemeinsam weiter arbeiten können. Ändert sich ein Ziel des Kunden, kann er dies einfach online angeben. Und der Berater kann zeitversetzt prüfen, ob dadurch die Finanzplanung angepasst werden sollte. Ich finde die Zielsetzung klasse! Genau darum geht es doch: Das digitale ist heute immer „Augmented Reality“. Es ist eine Erweiterung der persönlichen Kommunikation. Und wenn wir Beratung, Finanzplanung, Gespräch und Online-Interaktion in ein Ganzes verschmelzen können – das wird großartig!

Noch vor den Volksbanken hatte comdirect PFM in ihr Internetbanking integriert (wir berichteten hier). Sabine Münster berichtete von den ersten Erfahrungen seither: Bisher gab es 1 Million Zugriffe auf das PFM-Modul, 350.000 Kunden nutzen es aktiv. Meist sind dies Kunden, die das Konto als Primärkonto mit Gehaltseingang nutzen – denen bringt PFM natürlich auch deutlich mehr.  Frau Münster sagt:

„Ich habe nie zuvor so viel Kundenfeedback bekommen bei einer Produkteinführung, sehr viel positives Feedback. Kritik gab es Form von ‚Was passiert da mit meinen Daten?‘, dort muss man dann erklären und beruhigen.“

PFM sei kein Tool für jeden Tag, das müsse man akzeptieren. Manche nutzen es einmal im Monat, manche zwei- oder dreimal. Sehr hilfreich vor allem für comdirect als einem First Mover in Deutschland sei die vorherige Pilotierung gewesen. Erfahrungen aus dem Ausland ließen sich eben nicht einfach auf Deutschland übertragen.

comdirect PFM - Die Fans

comdirect PFM - Die Kritiker

Mir persönlich fehlte bei der Veranstaltung jetzt die Postbank, die ja auch schon seit einer Weile ihre iPad-App mit PFM ausgestattet hat. Aber erfreulicherweise gab es zum Abschluss einen gewohnt souveränen Vortrag von Andre M. Bajorat von figo. Bei ihm ging es weniger um figo, sondern mehr um Beispiele, wo Banken besser werden können, indem sie sich an übliche Standards im Web anpassen:

  • Informationen integriert als Timeline: Kennen wir von vielen Social Media Sites – warum nicht auch beim Kontoauszug? Die Umsätze aller Konten zusammen in einer Timeline?
  • Daten um Kontext erweitern, das kennen wir von diversen Map-Anwendungen, die zum Ort auch gleich Bilder, Bewertungen und Kommentare anzeigen. Warum nicht zu einer Abbuchung  gleich die zugehörige Rechnung anzeigen?
  • Einheitliche Sicht über alle Kanäle: Es ist eigentlich selbstverständlich, dass mobile Apps und Webanwendungen auf denselben Datenbeständen arbeiten und sich synchronisieren – warum ist das bei Banking Apps anders? (Hier zeigte er insbesondere anhand der Sparkassen-Apps Defizite auf.)
  • Apps bieten heute Push-Funktionen. Teilweise gibt es auch im Banking Möglichkeiten der Benachrichtigung, aber zu Ende gedacht ist das noch nicht.

CIBI Innovationstag 2014 - Andre M. Bajorat

Zu PFM gab er auch einen sehr schönen Kommentar:

„Multibanking ist nötig, das ist doch klar. PFM nur auf eine Bank bezogen, das ist irgendwie halbschwanger.“

Abschließend möchte ich dem ibi zur gelungenen Veranstaltung gratulieren, insbesondere Prof. Penzel, der ein ebenso unterhaltsamer Gastgeber wie spannender Redner war!

CIBI Innovationstag 2014 - Podiumsdiskussion

Elmar Borgmeier

Gestaltet Online Finance seit 1997. Glaubt an die Symbiose von Finance und IT. Ist Mitgründer und Chief Innovation Officer der syngenio AG. Moderator des JAX Finance Day. Berater für Next Generation Finance. Philosophiert gern über IT und realisiert noch lieber konkrete Lösungen.

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