Delphi-Studie

Delphi-Studie zur Digitalisierung in der Finanzbranche

ibi research hat im Auftrag von plenum eine Delphi-Studie zur Digitalisierung in der Finanzbranche durchgeführt, die gestern veröffentlicht wurde. Die Ergebnisse sind ein interessanter Blick darauf, wie die Branche selbst ihre Zukunft wahrnimmt. Zum anstehenden Jahreswechsel ist das eine interessante Alternative zu den üblichen Prognosen von Gartner und Co.

Omnichannel, Individualisierung der Digitalisierung und auch technische Innovationen sieht die Mehrzahl der Experten als gesetzt an. Über die Zukunft der Beratung besteht Uneinigkeit, in branchenfremden Anbietern sieht bisher nur eine Minderheit eine Bedrohung.

Die Studie ermittelt, wie weit die teilnehmenden Experten Aussagen zur Bankbranche in 5 bis 10 Jahren zustimmen, und das in Bezug auf die Bereiche Kunde, Produkte, Kanäle und Strategie.

Einigkeit besteht beim Thema Omnichannel – 99% stimmen voll oder eher zu, dass Banken in die Integration der Kanäle investieren werden. „Mehr Apps!“ fordern und erwarten 96%. Auch die zunehmende Individualisierung der digitalen Leistungen findet mit 80% hohe Zustimmung.

Drei Viertel (74%) sehen Werte, Image und Emotionalität zukünftig als wesentliche Faktoren zur Kundengewinnung an – auch in der Breite, nicht nur bei den alternativen Banken.

Ebenfalls drei Viertel der Experten von Privatbanken und Großbanken befürchten, dass Banken modernes PFM (Personal Finance Management) verschlafen. Die Vertreter von Volksbanken und Sparkassen sehen das anders. (Mir persönlich ist unklar, woher die Vertreter der Sparkassen da ihren Optimismus nehmen. Aber vielleicht wissen sie ja mehr als ich.)

Fast zwei Drittel (64%) der Befragten glauben, dass Banken attraktive Möglichkeiten finden werden, Augmented Reality, Location Based Services etc. einzusetzen.

Sehr offen ist hingegen die Zukunft der Beratung: Etwa die Hälfte der Befragten glaubt, dass es für Produkte mit geringen mit geringen Margen zukünftig wenig oder keine Beratung mehr geben wird. Die andere Hälfte widerspricht.

Knapp ein Drittel (31%) erwartet, dass heutige Standard-Angebote zukünftig von branchenfremden Anbietern bezogen wird. Rechtliche Hindernisse werden von den anderen als Haupthinderungsgrund genannt. Bei Selbstberatungsanwendungen wie yavalu wiederum sehen die Experten eine eine Entwicklung von der Nischen- zur Breitenanwendung, die von unabhängigen Dienstleistern angeboten wird (93%).

Ich finde dieses Selbstbild der Bankbranche durchaus ermutigend. Noch im Frühjahr hatte die FSM auf ihrer Konferenz eine Delphi-Studie vorgestellt, in der Business Development Manager von Banken auch solche Verfahren zukünftig nicht sahen, die heute schon eingesetzt werden. Das hat mir wirklich Angst gemacht. Die ibi-Studie besagt dagegen, dass sich die Branche den aktuellen Herausforderungen stellt. Zusammenfassend prognostiziert sie: Die Banken stellen sich an der Kundenschnittstelle breiter und differenzierter auf, in der Abwicklung vereinfachen und reduzieren sie.

Einschränkend muss ich sagen, dass die Studie in ihren Fragestellungen und Aussagen dann doch auch wieder stark im Konventionellen verhaftet bleibt. Mobil wird mit Apps gleichgesetzt, wo für mich die spannende Frage gerade wäre, wie die Aufgabenteilung von Responsive Web und Apps zukünftig sein wird. Bei PFM ist die spannende Frage ja, wie es in Zukunft aussehen wird – sicher anders als heute. Dazu finde ich in dem veröffentlichten Teil der Studie nichts. Ebenso fehlt mir eine Perspektive zum Zusammenspiel von Banken und Handel. Dabei dürfte sich gerade im Bereich Payment einiges ändern, hier sind mit Paypal und Amazon ja auch heute schon die größten „Angreifer“ aktiv.

Wie heißt es so schön? „Prognosen sind immer mit Unsicherheit behaftet, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Daher gestalten wir die Zukunft doch lieber selbst. Einer muss es ja machen.

Elmar Borgmeier

Gestaltet Online Finance seit 1997. Glaubt an die Symbiose von Finance und IT. Ist Mitgründer und Chief Innovation Officer der syngenio AG. Moderator des JAX Finance Day. Berater für Next Generation Finance. Philosophiert gern über IT und realisiert noch lieber konkrete Lösungen.

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