DisruptionProduktionsbank

Digitalisierung ist ein alter Hut. Banking in freier Wildbahn, das ist disruptiv.

Man könnte behaupten, die Digitalisierung ihres Produktes habe der Musikbranche das Genick gebrochen. Und niemand würde widersprechen. Genau besehen stimmt das aber nicht:

Die Digitalisierung der Musikbranche fand Anfang der 80er statt. Digitale Aufnahmetechnik im Studio und digitales Abspielen auf dem CD-Player etablierten sich. Das war kein Problem für die Musikindustrie, sondern ein Riesengeschäft. Weil sie alte Platten nochmal als CDs verkaufen konnte.

Kritisch wurde es erst, als die Konsumenten die digitale Musik selber erstellen (CD-Brenner) und verteilen (MP3, Web) konnten. Digitalisierung ist überhaupt kein Problem, solange sie unter Kontrolle der Anbieter steht. Das Problem entsteht durch die Öffnung, durch die Verlagerung des Geschäfts in öffentliche Netze, in Standardformate, durch den Machtzuwachs der Konsumenten, die zu Prosumenten werden (oder schlicht zu Raubkopierern).

Auch die Banken haben ihr Produkt „Geld“ längst digitalisiert. Giralgeld ist genau das: Digitales Geld. Die Virtualisierung von Geld ist sogar noch viel älter: Zu den ersten Leistungen von Banken gehörte das Ausstellen von Wechseln. Damit Händler vor Wegelagerern geschützt waren, führten sie statt Geld nur den Wechsel mit. Als virtuelles Geld. Banken haben auch ihr eigenes Netz geschaffen, in dem sie das digitale Geld bewegen können.

Nur: Das alles ist auf dem Stand, den die Musikindustrie Mitte der 80er erreicht hatte. Es ist eine rein brancheninterne Digitalisierung unter Kontrolle der Anbieter (und deren Aufsichtsbehörden). Was hindert denn eine Bank daran, zum Raubkopierer zu werden und ihr Giralgeld zu vermehren? Die Bilanz würde nicht mehr stimmen und die Aufsicht würde hoffentlich einschreiten. Also die systeminternen Kontrollen, mehr nicht.

Das digitale Geld der Banken wäre in der freien Wildbahn des Internet überhaupt nicht überlebensfähig. Wo systeminterne Kontrollen fehlen, wäre es beliebig kopierbar und würde seinen Geldcharakter sofort verlieren.

Auftritt Bitcoin: Ein digitales „Geld“, das für die offenen Netze gemacht ist. Das jeder selbst durchs Netz schicken kann, billiger und schneller, als die Banken es in ihrem internen Netz können. Klar, ich sehe die Schwächen von Bitcoin auch. Bisher bin ich immer noch der Ansicht, dass es eher das Napster der Kryptowährungen ist, noch nicht das iTunes. Aber der Zuspruch wächst, vielleicht bleiben wir wirklich beim Pionier des Internetgeldes hängen.

Es ist auch egal, ob nun Bitcoin oder ein besser eingebundener Nachfolger das Rennen macht. Entscheidend ist, dass die Banken verstehen: Sie sind noch gar nicht im Internet. Sie sind mit ihrer Digitalisierung noch voll in ihrem internen Netz gefangen. Bisher haben sie lediglich Brücken geschlagen ins Internet mit den Websites, mit Online- und Mobile-Banking. Aber ihre Produkte selbst haben den Sprung ins Netz nicht geschafft.

Vielleicht sprechen wir deshalb so viel über „Channel“, weil wir spüren, dass wir das immer Brücken bauen zwischen zwei Welten. Statt dass wir uns wirklich in die neue Welt hinein begeben. Und Omnichannel? Ist so gesehen auch nur die Vereinheitlichung der vielen Brücken zu einer großen gemeinsamen Brücke. Wäre es nicht besser, wenn wir gar keine Brücke mehr bräuchten? Weil wir schon da sind?

Aber, und das ist ein großes Aber: Diese Veränderung ist wirklich disruptiv. Denn bisher leben Banken genau davon, dass nur sie digitales Geld speichern und bewegen können. Wer keine Scheine unter der Matratze horten will, der kommt um eine Bank nicht herum. Eine Geldwirtschaft auf Basis von Kryptowährungen wären hingegen offen für neue Anbieter: Wer mir sicheren Speicherplatz bieten kann, bei dem kann ich mein Geld lagern.

Und damit landen die Banken dann letztlich doch in derselben Zwickmühle wie die Musikindustrie: Schaffen sie es, in die neuen Geschäftsmodelle einzusteigen, auch wenn sie damit ihre bestehenden Investitionen entwerten? Oder versuchen sie, solange teure Kernbanksysteme und Zahlungsverkehrsplattformen zu betreiben, bis die irgendwann wertlos geworden sind, weil sie durch Internet-Standards abgelöst wurden?

Der Vorteil der Banken: Musik macht Spaß, beim Geld wird’s ernst. Deshalb verbreiten sich Disruptionen wie Bitcoin, Ripple, P2P-Lending nicht so schnell wie damals MP3. Aber: Die Musikbranche war eigentlich darauf ausgerichtet, schnell auf kurzfristig geänderten Publikumsgeschmack zu reagieren. Im Vergleich dazu ist die Finanzbranche traditionell eher träge. (Verzeihung, ich wollte sagen: seriös und risikoavers. Was aber auf dasselbe hinausläuft.) Leider muss man damit rechnen, dass die Finanzbranche auch eine langsamer verlaufende Disruption verpasst.

Elmar Borgmeier

Gestaltet Online Finance seit 1997. Glaubt an die Symbiose von Finance und IT. Ist Mitgründer und Chief Innovation Officer der syngenio AG. Moderator des JAX Finance Day. Berater für Next Generation Finance. Philosophiert gern über IT und realisiert noch lieber konkrete Lösungen.

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