FinovateEurope2016

Finovate Europe 2016: Die wichtigsten Perspektiven

Die Londoner Finovate zeigt, was sie kann: Natürlich gibt es es inzwischen auch in Deutschland genügend FinTech-Konferenzen, aber in dieser Dichte, Internationalität und mit breit gestreutem Publikum ist sie nach wie vor einzigartig in Europa. Immerhin ist London derzeit „King of FinTech“ , die Investitionen in Großbritannien überstiegen in 2015 die im gesamten Rest von Europa.

Statt bahnbrechender Neuerungen gab es vor allem Trends zu entdecken, die sich durch die Veranstaltung zogen. Stark im Fokus stand die Personalisierung und Kontextorientierung des Bankings. Außerdem wurden Gestaltungsprinzipien übertragen, die Nutzer von anderen Apps oder aus dem eCommerce kennen. SwipeStox bezeichnete sich selbst als „Tinder of Social Trading“, eWise als „fitbit of finance“.

Wichtig war immer wieder die Balance zwischen Automatisierung und eigener Kontrolle durch den Kunden. Deutschland FinTech-Szene war stark vertreten unter anderem mit Lendstar, Scalable Capital, Risk Ident und SwipeStox.

Herausheben möchte ich zwei Themen: Neues zum Robo Advisoring und zur Biometrie.
Die Roboter gehen den nächsten Schritt, bei der Biometrie kommen Sprach- und Augen-Erkennung, was insbesondere für die mit PSD II verbundene Zwei-Faktor-Authentisierung spannend ist.

Meetinvest

Meetinvest bietet einen Roboter, der nicht auf Basis von Fonds arbeitet, sondern täglich über 90.000 einzelne Aktien analysiert. Auf Basis der Analysen werden dann Strategien berühmter Anleger umgesetzt (wie Warren Buffet, den das Beitragsbild zeigt). Die Algorithmen der Strategien sind veröffentlicht, hier herrscht Transparenz. Anhand einer Rückwärtsbetrachtung sieht der Kunde, wie die Strategie in der Vergangenheit gewirkt hätte.

Aus meiner Sicht eine spannende Verbindung zwischen voller Automatisierung einerseits und menschlichem Faktor anderseits in Form der der großen Investoren, deren Anlagestrategien den Kern der Plattform bilden.

Scalable Capital

Scalable Capital bietet eine automatisierte Vermögensverwaltung nach dem „Value at Risk“ Prinzip. Roboter arbeiten gerne mit einem schlichten Mix von Aktien und Anleihen entsprechend der Risikoneigung des Kunden. Große Investmentgesellschaften bewerten das tatsächliche Risiko eines Portfolios aber fortlaufend neu und steuern nach, um die Value at Risk im angestrebten Rahmen zu halten. Genau das verspricht Scalable Capital jetzt auch Kunden im mittleren Vermögensbereich. In Deutschland können die die Plattform bereits nutzen, Großbritannien folgt jetzt.

Envestnet

Envestnet ist nicht nur der neue Eigentümer von Yodlee, sondern auch Anbieter einer Plattform zur Anlageberatung. Die Plattform übernimmt jetzt Elemente des Robo Advisoring – der Kunde kann stärker selber mit dem Tool arbeiten, der Berater führt auf dieser Basis dann ein qualifiziertes Gespräch.
Dieser Ansatz berücksichtigt endlich auch mal, dass es auch Anlagen außerhalb des Roboters gibt. Das fehlt bei allen gängigen Robo Advisor Tools: Was nützt die Angabe meiner Risikobereitschaft, wenn dann meine bereits sicher oder riskant angelegten Assets nicht berücksichtigt werden?

Eyeverify

EyeVerify bringt das Gegenstück zum Fingerprint – den Eyeprint. Klingt nach James Bond, ist aber tatsächlich bereits bei amerikanischen Banken im Einsatz, sogar bei Wells Fargo. Eyeprint ist ein Augenfoto, kein Iris- oder Retina-Scan. Fürs Augenfoto reicht eine normale Kamera, wie sie in jedem Smartphone enthalten ist. Erkannt wird die Venenstruktur des Auges, die tatsächlich auch bei mäßigen Lichtverhältnissen gut erkannt wurde, und die auch langfristig stabil sein soll.

Die Erkennungsquote wird mit 99,7% angegeben, das ist auf dem Niveau von Fingerabdruckscannern. Die Erkennung geht schnell, nur das initiale Erfassen des Augenbildes beim Anmelden dauert um die 20 Sekunden (die einem länger vorkommen).

Als Vorteile gegenüber dem Fingerabdruck wurden genannt: Apple hat das vernünftig implementiert, aber als geschlossenes System. Die Bank muss der Fingerabdruckprüfung durch Apple vertrauen. Eine eigene Prüfung auf dem Server ist nicht möglich. Unter Android ist die Sicherheit der Fingerabdrücke abhängig vom Gerätehersteller, und die lässt angeblich teilweise noch zu wünschen übrig.

VoicePIN

voicepin tut das, was der Name besagt: Es verwendet Stimmerkennung als Identifikationsmerkmal. Ähnliches hatte vor Jahren schon voicetrust gezeigt. In der Präsentation sah alles einfach aus, was wirklich dahintersteckt an Sicherheit, kann ich nicht beurteilen.

Letztlich bleibt bei Biometrie immer die Frage: kann jemand die aus der Biometrie gewonnenen Datensätze abfangen und für Replay-Attacken nutzen? Noch schlimmer: kann ich die Verfahren mit dem Fingerabdruck vom Weinglas, mit einem Selfie und einer Stimmaufzeichnnug austricksen? Dann greift nämlich der Nachteil gegenüber einem Passwort: Das Passwort kann ich ändern, meine Biometrie nicht. Einmal korrumpiert, immer korrumpiert.

Morgen geht es weiter mit der Finovate, ich bin gespannt, was noch Neues kommt.

Elmar Borgmeier

Gestaltet Online Finance seit 1997. Glaubt an die Symbiose von Finance und IT. Ist Mitgründer und Chief Innovation Officer der syngenio AG. Moderator des JAX Finance Day. Berater für Next Generation Finance. Philosophiert gern über IT und realisiert noch lieber konkrete Lösungen.

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