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Kein Paradox: So schafft mehr Transparenz mehr Sicherheit

Im Artikel „Wie digitale Transparenz die Welt verändert“ zieht das Magazin „Spektrum der Wissenschaft“ eine hübsche Parallele: Als die Ozeane sich von trüben Gewässern zu klaren, sonnendurchfluteten Meeren wandelten, war das eine enorme Herausforderung für das Leben im Meer. Plötzlich konnten Raubtier und Beute sich sehen. Innerhalb (geologisch gesehen) kurzer Zeit entstand ein Vielzahl von Arten, die auf die neue Transparenz der Meere ganz unterschiedlich reagierten. Muscheln bilden harte Schalen, andere setzen auf Tarnung, gute Augen oder einfach Schnelligkeit.

Die Digitalisierung schafft heute Transparenz über Menschen, Verhalten, Institutionen und Diskussionen. Die Deutschen nehmen vor allem wahr, dass ihre Privatsphäre transparent wird. Aber selbst die NSA, die so geheim ist, dass sie vor wenigen Jahren kaum jemand in Deutschland kannte, muss sich dank Edward Snowdon heute für ihre Tätigkeit öffentlich rechtfertigen.

Digitalisierung schafft Transparenz und gleichzeitig die Frage, wie man damit umgeht. Will ich die Vorteile der Transparenz nutzen? Wie die ersten Fische mit Augen, die ihre Feinde früher sehen konnten? Oder will ich mich vor Transparenz schützen, wie Muscheln in ihren Schalen?

Für die Finanzbranche stellt sich die Frage besonders deutlich. Banken sind klassische Orte der Sicherheit und Verschwiegenheit – wer an Banken denkt, hat immer noch den gepanzerten Tresorraum vor Augen. Und Versicherungen verkaufen Schutz, das ist ihr Kerngeschäft.

Wie reagieren Banken und Versicherungen auf die Möglichkeiten, die digitale Transparenz schafft? Vielleicht ist dies eine der zentralen Fragen für die zukünftige Ausrichtung der Institute. Es wird unterschiedliche Antworten geben, und je nachdem, wie die Antwort ausfällt, entstehen unterschiedliche Arten von Finanzinstituten. So, wie das Leben im Meer sich in unterschiedliche Arten aufteilte.

Dabei sind Transparenz und Sicherheit keine Gegensätze. Transparenz ist nämlich auch das beste Mittel, Betrug zu vermeiden. Dazu zwei Beispiele:

BlockChain

Bargeld ist anonym – wenn es gestohlen wird, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, wer es hat. Bei BitCoin werden alle Transaktionen in der BlockChain verteilt gespeichert. Dass ich einen BitCoin besitze, belege ich genau durch die Kauftransaktion in der Blockchain. Die Kette der Transaktionen ist vollständig transparent.

Dieses Verfahren kann man sich auch an anderer Stelle zu Nutze machen. Das Startup Everledger bildet entsprechende Transaktionsketten für Diamanten – damit vollständig belegbar wird, wo die guten Stücke herkommen. Ziel ist, die Versicherungskosten zu senken, indem Diamanten nur noch mit belegter Historie gehandelt werden. Diamanten sind der Einstieg, das Prinzip ist auf andere Güter übertragbar.

Everledger

Biometrie

Unsere Schritte werden gemessen, unsere Tippgeschwindigkeit und unser Fingerabdruck entsperrt das iPhone. Wenn eh schon alles analysiert wird, können wir es auch als Sicherheitsmerkmal verwenden. Tatsächlich hat die Postbank die Freigabe von Transaktionen per Fingerprintsensor sogar noch ganz knapp vor Apple Pay eingeführt. Und andere gehen weiter. B-Secur versteht sich als Biometrie-Anbieter der zweiten Generation. Unter anderem soll der Herzschlag des Nutzers zur Identifikation dienen. Das Unternehmen bietet eine Software, die in unterschiedliche Wearables integriert werden kann.

Ja, ich weiß, es gibt gute Argumente gegen beide Beispiele. Irgendwo auf dieser Welt wird immer jemand Diamanten kaufen, auch ohne Zertifikat. Und Biometrie ist sehr unpraktisch, weil ich sie nicht ändern kann, wenn sie kompromittiert ist (anders als das gute alte Passwort).

Und genau deshalb, weil es Argumente für das eine und das andere gibt, werden unterschiedliche Banken unterschiedliche Wege gehen. So kommt die Artenvielfalt zustande. Es bleibt spannend!

Elmar Borgmeier

Gestaltet Online Finance seit 1997. Glaubt an die Symbiose von Finance und IT. Ist Mitgründer und Chief Innovation Officer der syngenio AG. Moderator des JAX Finance Day. Berater für Next Generation Finance. Philosophiert gern über IT und realisiert noch lieber konkrete Lösungen.

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