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Neustarts mit Social Finance: Small is beautiful!

Von Elmar Borgmeier / syngenio

Mit Pockets United und Lendstar stehen zwei deutsche Startups in den Startlöchern, die das Social Finance Genre neu beleben wollen. Damit kehrt ein Konzept zurück, das ganz am Anfang von „Next Generation Finance“ stand. Kommt jetzt der Durchbruch? Was machen die neuen Player anders und wovon hängt der Erfolg ab?

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da klangen die Begriffe  „Web 2.0“ und „Social Web“ noch ganz neu. Damals fragten wir uns alle, wer in der Finanzbranche die gleichen Veränderungen vollbringen wird wie iTunes, Facebook und Wikipedia in ihren Bereichen. „Social Banking“ war der Begriff der Stunde. Gartner definierte  ihn als „durch Social Media Plattformen erbrachte Leistungen, die bisher durch Banken erbracht wurden“ und prognostizierte 2008 , dass innerhalb von 2 Jahren Peer-to-Peer-Kredite einen Anteil von 10% an den Privatkundenkrediten erreichen werden! syngenio hat damals schon Konzepte entwickelt, wie die etablierten Banken darauf reagieren können (veröffentlicht in der Zeitschrift die bank: „Dem Social Banking Paroli bieten“)

Dann kamen Lehmann-Pleite und Bankenkrise. Die Erwartungen an „Social Banking“ und „Bank 2.0“ stiegen weiter: zu den neuen technischen Möglichkeiten kam jetzt noch eine Vertrauenskrise der etablierten Anbieter. Musste das Zusammentreffen der Faktoren nicht zwangsläufig zu einer „Kernschmelze“ des bestehenden Privatkundenbanking führen? Würden enttäuschte Kunden sich begeistert neuen Anbietern zuwenden, die eine völlig neue Banking-Kultur versprechen konnten? Es kam ganz anders. Die Kunden wandten sich weniger neuen Anbietern zu als vielmehr den Altvertrauten: Sparkassen und Volksbanken wurden mit Einlagen überschwemmt. Alles, was mit Finanzinnovation assoziiert war, hatte es schwer – egal, ob damit nun Zertifikate oder wirkliche Next Generation Themen gemeint waren.

(Daran sieht man mal wieder die Kraft der Marke. Die Neueinsteiger hatten vor der Krise kaum Zeit, Image aufzubauen. Sie hatten in einer Panikphase keine Chance gegen Anbieter, die den Kunden aus Kindheitstagen vertraut waren.)

Auch international ist Social Finance eine Nische geblieben, von den prognostizierten 10% im Privatkundengeschäft sind auch die USA weit entfernt. Aber die akute Finanzkrise ist erst mal vorbei, die Instabilitäten des Finanzsystems sind Normalzustand, der Goldpreis fällt. Es kann gut sein, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt ist, Social Finance neu zu platzieren.

Bei Lendstar geht es um Peer-to-Peer-Kredite im Freundeskreis. Zinstief bei Anlagen, gleichzeitig weiterhin hohe Dispozinsen bieten ein günstiges Umfeld, um sich privat Geld zu leihen. Beim persönlichen Verleihen von geringen Beträgen greift das KWG nicht: eine Nische für Non-Banks. In Lendstar können Sie aktuell noch investieren, auch Boris Janek berichtete schon.

Pockets United hat bereits Anfang des Jahres ihre App auf der Finovate gezeigt – das Video ist immer noch die informativste öffentlich zugängliche Quelle zu Pockets United. Auch hier geht es um die Vernetzung im Freundeskreis, allerdings mit Fokus auf gemeinsamen Aktivitäten. So kann einer für die Gruppe Eintrittskarten kaufen und über die App mit den anderen abrechnen.

Was machen die neuen Anbieter anders?

Was Lendstar und Pockets United verbindet und sie von klassischen Social Banking Plattformen unterscheidet:

  • Sie setzen auf Social Sharing in kleinen Gruppen. Finanztransaktionen finden hier statt zwischen Menschen, die man persönlich kennt.
  • Sie ersetzen weniger Bankprodukte, sondern eher bisherige Bargeldtransaktionen: überschaubare Beträge, kurze Zeiträume des „Geld Vorschießens“.
  • Das Smartphone steht im Mittelpunkt, nicht die Webanwendung – absolut stimmig, wenn die Konkurrenz das Portemonnaie ist.

Werden sie erfolgreich sein?

Auf dem IRL-Freundeskreis aufzubauen, senkt bestimmt die Hemmschwelle, „Social Finance“ zu nutzen. Anderseits werden die Apps damit nur bei Menschen Anklang finden, die lieber zum Smartphone greifen als zu Bargeld. Denn die Apps tun ja nichts, was man nicht bisher auch schon tun kann, mit Scheinen und Münzen. Besonders Pockets United entfaltet seinen Charme erst dann richtig, wenn die gesamte Clique die App nutzt. Ob es damit zusammenhängt, dass Pockets United jetzt schon länger im Status Beta-Test ist ohne große Neuigkeiten? Lendstar ist da flexibler, und hat durch die Vermeidung von Dispozinsen einen wesentlich klareren finanziellen Vorteil für die Kunden.

Ich glaube, entscheidend wird sein, dass die Verbindung von „Geld“ und „Smartphone“ schnell genug eine ganz natürliche wird. Diese gedankliche Verbindung baut sich allmählich auf, indem jetzt nach mobile Banking auch mobile Payment verfügbar wird. Wenn das Bezahlen mit dem Smartphone normal ist, dann werden auch die Apps für den Umgang mit Geld im Freundeskreis normal werden. Und wer dann als erster eine kritische Masse erreicht, profitiert von den typischen Netzeffekten. Man darf aber nicht erwarten, dass eine starke Beschleunigung dieser Entwicklung möglich ist: Die gedankliche Verbindung von Geld und Smartphone ist eine Geisteshaltung (Mind Set), und Mind Sets entstehen nur allmählich. Durchhaltevermögen wird also durchaus zu den Erfolgsfaktoren gehören.

Letztlich gehört natürlich alles zusammen, mobile Banking, mobile Payment, Social Finance unter Freunden. Und deshalb wird es letztlich auch zusammenfinden, durch Kooperationen, Übernahmen, wie auch immer. Paypal gehört heute ja auch zu eBay.

Aktuell steht noch die Abgrenzung im Vordergrund. Lendstar inszeniert sich bewusst als Gegenentwurf zu Banken, ganz entsprechend der Social Finance Definition von Gartner. Das Geschäftsmodell beruht dann aber doch wieder auf Kreditkartentransaktionen und passt damit durchaus auch in eine Bank. Wie auch immer es ausgeht, wenn die Nutzer Dispozinsen sparen, werden sie zufrieden sein.

Elmar Borgmeier

Gestaltet Online Finance seit 1997. Glaubt an die Symbiose von Finance und IT. Ist Mitgründer und Chief Innovation Officer der syngenio AG. Moderator des JAX Finance Day. Berater für Next Generation Finance. Philosophiert gern über IT und realisiert noch lieber konkrete Lösungen.

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