IMG_5108

Payment: Fairwert statt Mehrwert

Beim Wettbewerb der Bezahlsysteme rücken die sogenannten Mehrwerte immer stärker in den Fokus: Was bietet ein Verfahren dem Kunden über schnelle und verlässliche Abwicklung hinaus noch?

Das Problem ist: Wenn man von „Mehrwerten beim Payment“ spricht, wedelt der Schwanz mit dem Hund. Wie mein Kollege Mark Spiessl immer sagt: Niemand verabredet sich, am Samstag in der Stadt bezahlen zu gehen. Man verabredet sich zum Shoppen. Bezahlen ist das lästige Anhängsel des Themas Einkaufen, und nicht Einkaufen ein Mehrwert des Bezahlens.

PAYBACK zeigt mit der neuen App, wie man Bezahlen so hinter Angeboten und Punkte sammeln versteckt, dass vor lauter positiven Botschaften das unangenehme Gefühl, Geld auszugeben, fast verschwindet.

Es stellt sich die Frage, wie die Rollenverteilung von Banken und Handel beim Payment zukünftig sein wird. Solange ich mit Karten zahle, bin ich ganz froh, davon nicht zu viele im Portemonnaie mit mir rumzuschleppen. Aber Apps? Die wiegen nichts, nehmen keinen Platz weg, öffnen sich bei Kontakt zum Beacon automatisch – von mir aus kann ich für jeden Händler eine andere Bezahlapp nutzen.

Und wie gesagt: Einkaufen ist schön, bezahlen tut weh. Da habe ich doch lieber eine Einkaufs-App als eine Bezahl-App. Die Frage ist, welche Chance Banken überhaupt haben, eine wichtige Rolle beim mobilen Bezahlen zu spielen? Wenn sie diesen Service an den Handel abgeben, verlieren sie den häufigsten Kontaktpunkt zwischen Kunde und Bank. Bezahlen ist mit Abstand die häufigste Finanztransaktion.

Ich glaube nicht, dass Banken den Handel imitieren sollten. Da können sie nur verlieren. Sie müssen sich auf das konzentrieren, was sie besser können als der Handel. Und was ist das?

Brett King betont schon seit Jahren, dass Kontext King ist. Welche Information passt gerade zur Situation? Was hilft den Kunden genau jetzt, genau hier weiter? Wer das bieten kann, dem schenken Kunden Aufmerksamkeit.

Der Handel nutzt das als Gelegenheit, Kunden zu verführen. Gönn dir was, kauf ein, nur zu! Das macht Handel immer, darin werden Banken einfach nie besser sein. Aber der Handel diskreditiert sich damit auch als fairer Berater der Kunden.

Anders als der Handel wissen Banken nicht nur, was Kunden bei diesem spezifischen Händler oder Händlernetzwerk gekauft haben. Sie kennen die gesamte Finanzsituation ihrer Kunden. Wann kommt das nächste Geld? Wieviel braucht der Kunde bis dahin noch? Kann er sich den schönen Schnickschnack leisten? Und wenn ja, was bedeutet das dann? Bier statt Cocktails?

Ich sehe die große Chance für Banken darin, echter Einkaufsberater statt Verführer zu sein. Fairwert statt Mehrwert. Als echter Interessenvertreter der Kunden Vertrauen aufbauen. Dann werden Kunden beim Einkaufen auch die Informationen der Bank nutzen. Und das daran hängende Bezahlverfahren eben auch.

Vielleicht nicht immer. Wenn ich mir bei Starbucks einen Caramel Cocoa Cluster Frappuccino gönne, dann weiß ich, dass mich diese Ausgabe nicht umbringt. Das Monsterteil gönne ich mir einfach. Wenn ich aber über ein neues Paar Nike Air Jordan 11 retro stolpere, dann denke ich schon erst mal über die Kosten nach, bevor ich die Treter anziehe.  Und dann hilft mir eine Bank-App, die grünes Licht gibt. Oder mich darauf hinweist, dass es dann anderer Stelle eng wird.

Was hat die Bank davon? Gerade die größeren Zahlvorgänge werden weiterhin über sie laufen. Also diejenigen, die nicht komplett unsichtbar werden, weil mein Smartphone an der Kasse vollautomatisch zahlt. Damit bleibt der Kundenkontakt erhalten.

Und „fairer Berater“ ist doch genau das, was Kunden von einer Bank wollen. Wenn das im alltäglichen Einkaufsprozess nachgewiesen wird, bewegt sich das Bankimage in die richtige Richtung.

Und wenn die Bank auch noch hilft, das zum Kunden und seinem Geldbeutel passende Produkt zu finden, dann kann sie auch Provision für die Einkaufsvermittlung bekommen. Nicht so viel wie bei der Verführung zum Kauf unpassender Produkte, aber immerhin.

Elmar Borgmeier

Gestaltet Online Finance seit 1997. Glaubt an die Symbiose von Finance und IT. Ist Mitgründer und Chief Innovation Officer der syngenio AG. Moderator des JAX Finance Day. Berater für Next Generation Finance. Philosophiert gern über IT und realisiert noch lieber konkrete Lösungen.

Schreib einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Top