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Spät dran: Mobile Payment von Apple. Warum es doch noch der Beginn einer neuen Ära sein kann.

Apple hat sich jetzt festgelegt, wie man mit dem iPhone bezahlt: Per NFC und Kreditkarte. Neu ist daran eigentlich überhaupt nichts. Schon vor der Vorstellung des iPhone 4 (!) brodelte die Gerüchteküche um Mobile Payment, weil Apple  damals frisch NFC Know How eingekauft hatte. Aber damals wurde nichts daraus.

Tatsächlich ist Apple der letzte wichtige Smartphone Anbieter, der bisher kein NFC und Secure Element bietet. Alle anderen machten ihre Technik fit fürs mobile Bezahlen, kamen dann aber über irrelevanten Pilotprojekte nicht hinaus. Auch Google Pay kommt mit seit Jahren nicht voran. NFC wurde hier sogar als Teil des Problems ausgemacht: Die Telkos wollten selbst am mobilen Bezahlen mitverdienen und erzwangen die Deaktivierung der NFC-Chips in Smartphones, solange sie nicht davon profitieren.

Alle Augen richteten sich auf Apple. Denn anders als Google oder Samsung traute man Apple zu, sich gegen die Telkos durchzusetzen. Schon beim ersten iPhone zwangen die Kalifornier ja den Telkos die Spielregeln. Aber Apple blieb den großen Schritt schuldig. Stattdessen kamen iBeacons, und sie erschienen mir (wie vielen anderen) als Königsweg aus der NFC-Falle: denn Bluetooth ist ein Standard-Feature der Smartphones, niemand kann seine Abschaltung durchsetzen.

Und jetzt also doch? Mobile Payment, ganz klassisch, so wie es seit langem konzipiert ist? Der Grund könnte in Asien zu suchen sein. China ist für Apple mindestens genauso wichtig wie Europa, und hier konnte Apple wichtige Partner gewinnen: China Mobile und Union Pay. Beide sind involviert in den Aufbau der staatlichen geförderten Mobile Payment Plattform – und die beruht ganz klassisch auf NFC-Zahlungen. Apple bietet sich die Chance, ein wesentlicher Player in diesem Ökosystem zu werden. Dafür kann man schon mal von iBeacons zurück zu NFC gehen.

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte bereits einen für die Banken beruhigenden Artikel, der Apples Chancen in Deutschland schlecht einschätzt. Zum einen seien die Deutschen notorische Barzahler. Selbst wenn sie mal elektronisch zahlen, bevorzugten sie die GiroCard. Nur jede zwanzigste elektronische Zahlung sei kreditkartenbasiert. Auch das Feedback zum NFC-basierten Girogo sei nicht so überzeugend gewesen, das Prinzip „Erst Aufladen, dann bezahlen“ sei nicht akzeptiert worden.

Diese Argumentation verstehe, wer will. Ja,  insgesamt wird wenig mit der Karte gezahlt, aber nahezu 100% aller iPhone-Käufe (über iTunes) erfolgen bereits heute per Kreditkarte, auch in Deutschland. Apple muss dieses Zahlungsmittel nicht mehr etablieren, das haben sie in ihrem Ökosystem bereits getan. Sie müssen nur ihr Ökosystem vergrößern. Auch der Vergleich mit Girogo läuft ins Leere, denn bei Kreditkarten muss man eben nicht erst aufladen.

Die eigentlich beruhigende Nachricht für Banken ist ja, dass weiter mit Kreditkarten gezahlt wird. Damit werden Banken weiterhin an den Zahlungen beteiligt sein. Wobei Apple vermutlich wieder eine Wegelagerergebühr verlangt. Natürlich melden sich sofort auch die neuen Player wie Dwolla und möchten als alternatives Zahlungsverfahren hinterlegt werden. Aber Apple wird sich für das profitabelste Modell entscheiden. Und da können Visa, MasterCard und Amex durchaus bessere Verbündete sein als Dwolla und Co.

Man kann nur mutmaßen, wie schnell sich das neue Payment in Deutschland verbreiten wird. Wie gesagt glaube ich nicht, dass wir der primäre Zielmarkt für die Lösung sind. Apple wird zunächst in den USA und China aktiv werden. Ein Hindernis dürfte auch der geringe Marktanteil des iPhone in Deutschland sein. Er lag im ersten Quartal dieses Jahres bei gut 15%. Deutschland ist bereits seit einiger Zeit sehr Android-dominiert, weit stärker als die USA und Japan.

Ist die Retro-Neuigkeit, dass Apple jetzt Bezahlen per NFC ermöglichen wird, dann überhaupt relevant für uns? Ja. Denn trotz allem hat Apple die Marktmacht, sein Verfahren gegen die Telkos durchzusetzen. Und trotz allem verfügt die Premium-Marke Apple über einen Kundenstamm, den auch andere Händler als Premium-Kunden einstufen. Damit ist Apples neues Feature gerade für den Premium-Handel relevant. Und der kann am ehesten in neue Technik am Point of Sale investieren.

Sehen wir zurzeit sonst irgendjemand, der Mobile Payment durchsetzen könnte? Ich nicht. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Apple derjenige ist, der mobiles Bezahlen etabliert. Auch wenn es mit einem Konzept erfolgt, dass sie schon vor Jahren hätten umsetzen können.

Elmar Borgmeier

Gestaltet Online Finance seit 1997. Glaubt an die Symbiose von Finance und IT. Ist Mitgründer und Chief Innovation Officer der syngenio AG. Moderator des JAX Finance Day. Berater für Next Generation Finance. Philosophiert gern über IT und realisiert noch lieber konkrete Lösungen.

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