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Trotz Crowdinvesting-Rekord: Es geht nicht ums Geld.

Bis zu 400.000€ möchte das Startup Honestly einsammeln, das gerade seine Zweitfinanzierungsrunde auf der Crowdinvesting-Plattform Seedmatch gestartet hat. Das ist neuer Rekord im deutschen Crowdinvesting. Und trotzdem: dem Unternehmen dürfte es dabei nur in zweiter Linie ums Geld gehen.

Denn wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie: Aufmerksamkeit ist die wirklich knappe Ressource, nicht Geld. Normalerweise bezahlen Unternehmen für Aufmerksamkeit (Werbung) oder erarbeiten sie sich hart (etwa durch intensive Kommunikation über Social Media). Crowdinvesting ist die einzige Finanzierungsform unterhalb eines Börsengangs, die gleichzeitig Aufmerksamkeit bringt und Geld. Seedmatch sagt dazu in ihrem Newsletter:

„Das Team [von Honestly hat sich bewusst] gegen andere Finanzierungsformen entschieden. Der Grund: Die zahlreichen Mikroinvestoren, die seit der ersten Finanzierungsrunde für wertvolles Feedback und gute Kontakte zu Neukunden sorgen – und damit Honestly wirkungsvoll unterstützen!“

Crowdinvesting ist für die Startups mehrfach vorteilhaft:

  • Direkter Multiplikator: Durch die Publikation auf der Crowdinvesting-Website und in deren Newsletter werden zunächst die potentiellen Investoren erreicht.
  • Indirekter Multiplikator: Wer investiert, kann dies bei Seedmatch selbst wieder über Twitter und Co. verbreiten, womit auch die Kontakte der Investoren erreicht werden.
  • Authentizität: Gerade Social Media affine Startups sind glaubhafter, wenn Sie ihren Kunden auch die Möglichkeit einer Unternehmensbeteiligung bieten. Das Einbeziehen der Kunden auf allen Ebenen gehört da fast zwangsläufig zum Markencharakter.
  • Nachhaltiger Kommunikationskanal: Das Startup bleibt in Kontakt mit seinen Investoren und kann hier eine langfristige Kommunikation aufbauen.
  • Imagetransfer: Strahlkraft und das Markenimage der Plattform färben auf das Startup ab. Die Plattform sollte also zum Startup passen.

Die Steigerung der Finanzierungsvolumen ist durchaus beachtlich. Bis vor kurzem bot Seedmatch nur Investments bis 100.000€ an – bei höheren Summen besteht Wertpapierprospektpflicht. Erst seit Ende 2012 werden die Investments als partiarisches Nachrangdarlehen konstruiert, eine Ausnahme von der Prospektpflicht.
Damit wird es auch lukrativer, eine Crowdinvesting-Plattform zu betreiben. Und die bisherigen Communities sind noch nicht wirklich riesig, der Vorsprung der aktuell aktiven Anbieter scheint nicht uneinholbar. Werden neue Anbieter in den Markt einsteigen? Wie werden sich die bestehenden Plattformen  behaupten, falls altbekannte Player der Finanzbranche in das Geschäft drängen?

Glaubt man der Analyse, dass die aufmerksamkeitssteigernde Wirkung des Crowdinvestings zentral ist, lässt das schon mal einige Schlüsse zu:

  • Plattformen mit großer Investorencommunity sind überlegen, weil sie mehr Kontakte herstellen. Sie sind attraktiver für die Startups – und wenn sie dadurch die attraktiveren Investments anbieten können, auch für die Investoren. Was zum weiteren Wachstum der Community beiträgt. Das ist der typische „Netzeffekt“, der die Marktführer weiter bevorteilt. Ich gehe davon aus, dass wenige Crowdinvesting-Anbieter das Feld in der Breite dominieren werden, während andere sich in Nischen spezialisieren.
  • Die Nischen entstehen aufgrund des schon genannten Imagetransfers: Es kann für Startups sinnvoll sein, zu einer kleineren Plattform zu wechseln, wenn diese besser zu ihrer Marke passt. So könnten Volksbanken und Sparkassen lokale Unternehmensgründungen mit entsprechend lokal positionierten Plattformen unterstützen.
  • Die bisherigen Community-orientierten Plattformen passen besser zu entsprechenden Social Media orientierten Startups als klassische Banken. Ein gutes Beispiel dafür ist Front Row Society, die ebenfalls gerade ihre Finanzierung über Seedmatch erweitern. Front Row bietet sozusagen „Social Fashion“ – die Finanzierung über eine Community-Plattform ist da authentisch. Bei dieser Sorte Startups werden in jedem Fall die unabhängigen Plattformen vorn bleiben, während klassische Banken das Nachsehen haben.
  • Wenn das Startup nichts mit Web und Social Media zu tun hat? Dann könnte ein bankbetriebenes Crowdinvesting interessant sein. Weil die Bank über ihren bestehenden Kundenstamm eine große Zahl von Kontakten besitzt und daher als Multiplikator überlegen ist.

Fazit: Wir werden wenige große Crowdinvesting-Plattformen sehen, Nischenangebote mit spezifischem Markencharakter können aber ebenfalls erfolgreich sein. Je mehr Startups an Aufmerksamkeit in Social Media interessiert sind, desto eher werden sie eine der Community-Plattformen nutzen. Klassische Banken können trotzdem noch in das Geschäft einsteigen, weil sie eine große Kundenbasis erreichen können.

Soweit meine Prognose. Was denken Sie?

Mehr zu Crowdinvesting finden Sie etwa aktuell in Lothar Lochmaiers Blog. Er hat in einer vierteiligen Reihe das Thema aus Sicht der Plattformanbieter und Investoren betrachtet.

Seedmatch hat eben erst sein Design neu gestaltet – auch ein Schritt, sich attraktiver zu machen. Gefällt mir gut, besonders das Aufklappen des Login/Registrieren – Bereichs. Aber leider kein Responsive Design – sehr schade.

(Ich persönlich bin aktiver Nutzer von Seedmatch und habe nicht in Honestly investiert. Verwendung des Artikelbildes mit freundlicher Genehmigung von Seedmatch.)

Elmar Borgmeier

Gestaltet Online Finance seit 1997. Glaubt an die Symbiose von Finance und IT. Ist Mitgründer und Chief Innovation Officer der syngenio AG. Moderator des JAX Finance Day. Berater für Next Generation Finance. Philosophiert gern über IT und realisiert noch lieber konkrete Lösungen.

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Interessanter Beitrag. Es bleibt neben den Chancen und dem zeitgemäßen Ansatz, der seinen Weg machen wird, ein Kernproblem: Die 1:9 Erfolgschance beim Crowdlending an Startups. Das sollte jeder wissen, der unternehmerisch sein Geld investiert, was ich grundsätzlich tue, und da prüfe ich haarscharf, um mir von niemand einen Bären aufbinden zu lassen. Hier reicht auch ein hippes Thema, das Crowdinvesting darstellt, nicht aus. Das Problem sind aber weniger die Projekte, von denen es eigentlich genug gibt, die Startups finden das durchaus “cool”, aber was ist mit den Regularien und Geschäftsmodellen zum Wohle aller Beteiligten. Da gibt es noch erhebliche Lernprozesse, abgesehen von dem hohen Risiko. Man darf gespannt sein, ob es einigen Plattformen gelingt, qualitativ wie quantitativ zu skalieren, nicht jedoch um den Preis hoher Kollateralschäden. Klar ist auch, nur wenn alle Infos auf dem Tisch liegen, und Anteile (wie es etwa Bergfürst plant, aber noch unsicher ist, ob das Marketingversprechen eingehalten werden kann) direkt handelbar sind, dann besteht hier annähernd “Waffengleichheit”.

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