IT für Versicherungen 2017

Versicherungen im Wandel: Stay Calm and create a Sense of Urgency

Lange Zeit sah es so aus, als wäre die Versicherungs-IT wie gelähmt. Die Bestandssysteme waren uralt, aber wo lag der Business Case für die Modernisierung? Dann lieber in Berlin ein Start-Up neu aufsetzen.

Die Zeiten scheinen endgültig vorbei zu sein. Der Eindruck drängt sich zumindest auf, wenn man den ersten Tag der Konferenz „IT für Versicherungen“ in Leipzig verfolgt. Die Frage ist nicht mehr, ob Handlungsbedarf besteht. Die Frage ist: Welchen der vielen Handlungsbedarfe geht man zuerst an? Mit welcher Energie?

Dr. Thomas Niemöller, Chief Digital Officer der Provinzial Nordwest, sieht die Branche vor einem Trilemma: Eigentlich müssten die Anbieter mit voller Kraft in drei Bereichen gleichzeitig vorankommen:

  • Kontinuität: Bestehende Systeme renovieren oder migrieren
  • Innovation: Mobile First, API-Management, Big Data
  • Disruption: Neue Geschäftsmodelle.

Und das alles in einem Umfeld, das von „Regulatorik-Entropie“ geprägt ist. Der Begriff stammt tatsächlich von der BaFin und meint: das politische Umfeld ist derzeit so, dass die Finanzbranche sich auf eine weitere Ausbreitung der Regulatorik einstellen muss.

Ein wichtiger Faktor im Innovationsmanagement jeder Versicherung ist, die eigene Energie auf die drei Bereiche zu verteilen. Leider kann man eben nicht alles gleichzeitig mit voller Kraft tun, auch wenn es wünschenswert wäre, vielleicht sogar notwendig.

Welche Empfehlungen brachte der erste Tag für die drei Handlungsfelder? Im Einzelnen:

Kontinuität

Mehrere Referenten sendeten die starke Botschaft, dass die Modernisierung der Bestandssysteme tatsächlich mit hoher Kraft läuft. So etwa bei der Ergo oder der Barmenia. Da manche Systeme 40 oder 50 Jahre auf dem Buckel haben, ist Ablösung durch Neuentwicklungen die präferierte Lösung. Als Tipps blieben bei mir hängen:

  • Fokussieren Sie sich auf die Systeme, die wirklich problematisch oder teuer sind – Sie brauchen ja auch noch einen Teil Ihrer Kraft für Innovation und Disruption.
  • Arbeiten Sie schrittweise, migrieren Sie etwas Lebensversicherungen Tarif für Tarif auf das neue System. So erreichen Sie Umstellungen in wenigen Monaten. Altes und neues System werden dabei parallel betrieben, das wird normal werden.
  • Architekturmanagement hilft dabei, IT-Kosten stringenter im Blick zu behalten. Neuentwicklung bietet auch die Chance zur Vereinheitlichung der technischen Basis über die Sparten hinweg.

Innovation

Innovationsmanagement bedeutet vor allem Kulturwandel. Die Veränderung der bestehenden Organisation ist ein großes Thema, das auch seine Zeit braucht. „Stay calm and create a ense of urgency“ stand auf einer Folie: Erklären Sie den Mitarbeitern, warum der Wandel nötig ist. Dass es um mehr geht als den neuesten Management-Methoden-Hype.

Agilität, MVP und Lean Vorgehen sind die zentralen Konzepte. Wichtiger Hinweis: „Achten Sie darauf, dass MVP richtig verstanden wird. Das ist in den meisten Unternehmen noch nicht der Fall.“ Selbst McKinsey propagiert übrigens inzwischen Bottom-Up-Verbesserungen mit Lean / Kanban. Das ist ja wirklich mal ein Kulturwandel! Hauptthema ist Agilität in der Software-Entwicklung und im Unternehmen insgesamt.

Bei den Funktionen kristallisieren sich als wesentliche Punkte heraus:

  • Bei den Frontends immer noch Mobile First, dynamische Webseiten inkl. Medien anstelle statischer Dokumente sowie neue Kommunikationsformen (Chat). Die ganzheitliche Betrachtung von Customer Journeys wird immer wichtiger. Wie kommt den ein Mensch an den Punkt, an dem er eine Versicherung abschließt? In der digitalen Welt? Wie kann man sich da einklinken?
  • Wichtig ist die Integrationsschicht zur Entkopplung der agilen Frontends von den stabilen Backends. Für mich verblüffend: Das Stichwort API kam fast nicht vor, obwohl API-Management definitiv ein zentraler Punkt der Integrationsschicht ist! Dafür wurden auch Rule Engines und ESBs als Teil der Schicht gesehen.
  • Hinter den Frontends steckt immer mehr Intelligenz in der Automatisierung. Dunkelverarbeitung erfolgt nicht nur mit Rule Engines, sondern berücksichtigt auch nicht-formalisierte Informationen wie Fotos eines Schadensfalles. Es geht aber auch darum, während der Laufzeit einer Versicherung den Kunden in einen für ihn relevanten digitalen Dialog zu bekommen, um als Anbieter präsent zu bleiben.

Disruption

Disruption. Tja… hier auf der Konferenz sind ja eher die Vertreter der Stammorganisationen. „Ja, für die Disruption haben wir ein Start-Up in Berlin gegründet. Aber das ist extern, nicht mein Baby, darüber rede ich jetzt nicht.“ Finde ich auch gut. Lasst die Start-Ups mal laufen. Aber konzentrieren wir uns darauf, die Stammorganisation fit zu machen für die Zukunft.

Eine sehr kritische Stimme gab es aber doch: Was passiert denn, wenn wir zunehmend KI einsetzen? Wenn die Software immer mehr Kundendaten prüft und bewertet? Wobei man nicht einmal mehr klar nachvollziehen kann, wie das neuronale Netz eigentlich zu seiner Entscheidung kommt? Verliert eine Versicherung dann nicht genau das, was sie ausmacht, nämlich die Fähigkeit, Risiken zu bewerten und zu bepreisen? Wird sie dann nur noch zu einem austauschbaren Betreiber einer KI-Versicherungssoftware?

Keine schöne Perspektive für die versammelten Vertreter der Fachbereiche. Aber vorerst liegen im Bereich Innovation ja noch genügend spannende Aufgaben vor uns!

Elmar Borgmeier

Gestaltet Online Finance seit 1997. Glaubt an die Symbiose von Finance und IT. Ist Mitgründer und Chief Innovation Officer der syngenio AG. Moderator des JAX Finance Day. Berater für Next Generation Finance. Philosophiert gern über IT und realisiert noch lieber konkrete Lösungen.

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