Innovation_Transformation

Von der Innovation zur digitalen Transformation. Es beginnt.

Jede Bank spricht über Innovation. Und tut auch was, keine Frage. Es gibt eine Menge Bewegung. Aber wenn wir ehrlich sind: Darunter sind auch eine Menge Ausweichbewegungen. Es kann einen schon verblüffen, wie viel Innovation man in einer Organisation einführen kann, ohne wirklich etwas zu verändern.

Denn das halte ich schon für entscheidend: Die eigentliche Herausforderung der Branche ist die Digitale Transformation. Und Transformation heißt Veränderung. Veränderung der eigenen Haltung, Unternehmenskultur und sogar des Selbstverständnisses.

Im Moment sind wir mit dem Thema „Innovation“ deutlich weiter als mit der „digitalen Transformation“. Innovationen finden zahlreich statt, und zwar vor allem zwei Typen von Innovationen:

  • Optimierende Innovation: Beispiel VideoIdent. Eine Verbesserung der bestehenden Produktanträge mit den Mitteln der Digitalisierung. Fertig zukaufbar von entsprechenden Anbietern. Das Thema lässt sich in der Organisation der Bank genau zuordnen. Man weiß, wer zuständig ist, wer das Projektbudget beantragt. Es ändert sich auch Null und Nichts an den bestehenden Produkten oder am Kunde-Bank-Verhältnis. Die Identifikation wird digital, Interessenten können reibungsloser Kunde werden, sonst bleibt alles beim Alten. Diese Form der Innovation lässt sich sehr gut einbauen.
  • Ergänzende Innovation: Neben dem bestehenden Geschäft wird Innovation zusätzlich betrieben. Als Incubator, Hackathon, Innovation Space, oder wie auch immer. So kann man Innovation machen, ohne dass die Organisation wirklich umdenken oder umlernen müsste. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin dafür, dass man diese Dinge angeht. Das ist alles richtig. Aber es ist eben ein sehr vorsichtiger Schritt in Richtung Veränderung. Wir führen das Neue mal ein. Am Rande. Da, wo es noch nicht ans Eingemachte geht. Wenn alles gut geht, befruchtet es die Unternehmenskultur. Dann verbreitet sich die Lust aufs Neue in der Bank und Umdenken wird salonfähig.

Wir sind jetzt an dem Punkt, an dem die führenden Banken wirklich beginnen, mehr zu tun, ernsthafte Transformationsschritte anzugehen. Damit wird es jetzt spannend:

  • Transformierende Innovation: Einführung neuer Geschäftsmodelle, Prozesse und Organisationsweisen. Neugestaltung von Teilen des Geschäfts anhand neuer Customer Value Propositions. Banking neu definieren.

Erst damit findet wirklich digitale Transformation statt. Und die beginnt nach meiner Wahrnehmung erst gerade jetzt. Ich empfehle zwei kleine Aufmerksamkeitsübungen, mit denen man weiter kommt:

  • Wenn jemand über etwas spricht, bei dem man spontan denkt: „Das ist doch kein Bankgeschäft“, dann sollte man genau zuhören. Denn digitale Transformation bedeutet, sich mit einer Menge Dinge zu befassen, die bisher als branchenfremd galten.
  • Wenn eine Innovationsidee in der Luft hängt, weil man sie in der bestehenden Organisation nicht so recht verorten kann, genau dann sollten Sie sich diese Idee intensiv anschauen. Denn Ihre Organisation ist natürlich auf das Geschäft von heute ausgerichtet. Die Erfolge von Morgen passen da im Normalfall erst mal nicht rein.

Ich bleibe heute mal bei der Analyse, woran es hängt. Warum findet in Banken nicht bereits heute mehr Transformation statt? Eine spannende Analyse dazu hat „The Disruption House“ schon im Oktober 2015 veröffentlicht, die Studie finden Sie hier und sie ist immer noch lesenswert. Spannend finde ich folgende Passage:

Western banks believe their biggest problem is cost reduction and/or startup disruption. They have yet to understand the imperatives of business process change and are fixated with the idea of digitisation without understanding the new role of business platforms. As a result, they are creating problems for themselves by believing that “digital” is somehow a solution-set.

Es geht hier um den Vergleich mit neuen Playern wie Alibaba, die mit neuen Diensten wie Alipay in den Finanzsektor vordringen. Diese Anbieter haben gelernt, Finanzen als Vermittlerrolle zu verstehen, zwischen Handel und Käufern, zwischen Anlegern und Kreditnehmern, zwischen Unternehmen und Investoren. Wenn Geld das Schmiermittel der Wirtschaft ist, dann sind Banken die Geschäftsplattformen, über die Geld diese Wirkung entfalten kann.

Schaffen wir es, Bank anders zu denken? Nicht als Anbieter von Finanzprodukten, sondern zum Beispiel als Multisided Platform Model? Das führt zu wirklicher Veränderung.

Stattdessen denken immer noch genug Menschen in der Branche, Digitalisierung bestünde aus einer Menge Einzelschritte, die man abhaken muss. Danach ist die Bank digitalisiert und sonst bleibt alles beim Alten. Mobile Banking, Omnichannel, PFM, Social Media Präsenz, Videoberatung, iPads in den Filialen – war’s das oder müssen wir noch was tun? Wer glaubt, Digitalisierung ließe sich abarbeiten wie eine Checkliste, irrt sich. Fundamental.

Hier ist die Kurzfassung der Gründe, die in der Studie als Ursachen fehlender digitaler Transformation genannt werden:

  1. Innovationfähigkeiten wenig ausgeprägt: Die besten Banken der Welt erreichen Werte wie Technologieunternehmen, aber nach den Top 10 fällt das steil ab.
  2. Fehlende Führung: Die Studie findet wenig Top Manager in Banken, die eine Vision entwickeln, wie Banking in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird. Und die das in eine Geschichte verdichten, die ihre Mitarbeiter mitnimmt auf diesen Weg. (Anmerkung: Gerade da scheint sich aktuell etwas zu ändern. Bei manchen Banken.)
  3. Echte Kundenorientierung fehlt: Banken haben CRM-Systeme und oft elaborierte Prozesse, Kundenakzeptanz zu messen. Trotzdem scheinen Kunden nicht wirklich im Zentrum des Denkens angekommen zu sein. Das Geschäft ist meist dann doch produktgetrieben und das Produkt wird über CRM „rausgeschoben“. Meine Kurzfassung: Segmentierung ist keine Kundenzentrierung.
  4. Bimodale IT noch nicht eingeführt. Pointiert gesagt: Die Produktionsbank muss „stabile IT“ sein, die Vertriebsbank „agile IT“. (Ok, das ist vereinfachend.) Bisher tun sich die Rechenzentralen mit der Ausprägung beider Modi der IT noch schwer. Aber auch hier tut sich etwas.
  5. Fehlendes Technologie Management. Obwohl sie so viel für IT ausgeben, entwickeln Banken wenig IT-Produkte oder patentieren ihre Lösungen. Warum eigentlich?
  6. Wenig Wertschätzung anderer Fähigkeiten. Insgesamt sind Banken noch zu sehr auf klassische Bank- und IT-Fähigkeiten bedacht, suchen nicht aggressiv genug über neue Wege nach neuen Talenten. (Gerade dafür sind die aktuellen Hackathons aber ein Gegenbeispiel.)

Ich hoffe, es ist mir gelungen, den etwas philosophischen Unterschied zwischen Innovation und Transformation so zu beleuchten, dass es zum Nachdenken anregt. Ich freue mich auch, wenn Sie mich im Gegenzug an Ihren Gedanken teilhaben lassen – als Kommentar im Blog oder Tweet oder Mail oder wie auch immer.

Elmar Borgmeier

Gestaltet Online Finance seit 1997. Glaubt an die Symbiose von Finance und IT. Ist Mitgründer und Chief Innovation Officer der syngenio AG. Moderator des JAX Finance Day. Berater für Next Generation Finance. Philosophiert gern über IT und realisiert noch lieber konkrete Lösungen.

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr saubere Analyse, Elmar
    wobei sich die Frage stellt, wer von den Verantwortlichen in der Bank liest das? Die, die es lesen und verstehen, sind im Zweifel nicht die, die da was ändern könnten und die, die es ändern könnten, lesen Deine Analyse nicht. Schade, aber leider schon seit Beginn der elektronischen Datenverarbeitung in Unternehmen bekannt.

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